“Wenn Mama krank ist”

Dieser Spruch stand ganz fett und bunt auf dem Auto meiner Familienhelferin, die mich sieben Monate während der Therapie begleitete. Tolle Werbung…könnte man nicht etwas sensibler mit dem Thema umgehen? Als sie am Anfang zu mir kam, bat ich sie in die Garage zu fahren und erst nachmittags wieder raus. Irgendwann war selbst das mir dann egal.

Als ich im Juni letzten Jahres die Diagnose Brustkrebs erhielt, war mein erster Gedanke: ich kann mich nicht mehr um meine Kinder kümmern.

Der zweite Gedanke war: jetzt habe ich die zwei grad in die Welt gesetzt und kann mich bald verabschieden. Wie gemein ist das denn?

Ich verstand die Welt nicht mehr und hatte das Gefühl, ich befinde mich in einem Albtraum und es geht hier gar nicht um mich. Aber die Realität hat mich eingeholt und ich habe begriffen, ich bin krank und ich brauche Hilfe.

Die Hilfe kam (meine Mutter) und blieb drei Monate. Für mich eine riesen Entlastung und sie hat sich viel mit den Kindern beschäftigt. So konnte ich mich ausruhen, wenn ich es brauchte und regelmäßig in die Krebssportgruppe zum Training gehen. Als ich merkte, sie braucht mal eine Pause, erkundigte ich mich bei der Krankenkasse zwecks Haushaltshilfe. Die Genehmigung hatte ich schnell und für täglich sechs Stunden. Über die Sozialstation kam nun Frau B. täglich zu uns und unserer Familie so nah wie sonst niemand.

Ich konnte zu dem Zeitpunkt loslassen, auch was meine Kinder betraf, weil ich wusste, ich schaffe es nicht mehr. Mein Mann war anfangs dagegen, es ist ja eine fremde Person und irgendwie schaffen wir das. Ich war froh, dass ich mich für die Helferin entschieden habe. Sie nahm mir die meisten Dinge im Haushalt ab und kümmerte sich um die Kinder. Mir war es wichtig, dass unsere Abläufe beibehalten werden und ein geregelter Tagesablauf stattfindet. Meine Kleine brauchte zwei Wochen, bis sie sich an die Helferin gewöhnte, danach lief es richtig gut.

Noch heute erinnern wir uns gerne, da meine Tochter so manches schwäbische Wort von ihr übernommen hat. Die große Tochter hatte sich bis zuletzt schwer getan mit ihr. Naja erst wird sie die lange Zeit von der Oma verwöhnt und dann kommt wieder jemand neues, wo es heißt feste Regeln einhalten. Sie hat sich gewehrt, aber es half nichts. Ich bin manchmal mit der Helferin am Tisch gesessen und wir haben herzlich gelacht, wenn sie die Geschichten meiner Tochter erzählte. Einmal hat sie sie vom Kindi abgeholt und meinte zu ihr: “Was muss ich heut wieder daheim schaffen?” Ja geschadet hat es ihr nicht, versucht ja sonst immer ihren Willen durchzusetzen. J

Für mich war es ein kleiner Luxus in der schweren Zeit. Mir persönlich tat sie auch gut, eine neutrale Person zum reden und brachte mir viel Ablenkung.

Und ich war nicht allein, hatte Unterhaltung, wenn auch manchmal zu viel davon. J Mein Haushalt war top, brauchte fast nix mehr zu machen, konnte mich auf mich konzentrieren und Dinge in Ruhe erledigen. Und ich hatte die Zeit, die ich so dringend für mich brauchte. Ich bin zweimal die Woche zum Training nach Ulm und sonst viel spazieren gegangen, um den Kopf freizukriegen. Ich wusste, meine Kinder sind versorgt und hatte somit nicht den Stress wie sonst. Die Familienhelferin war bis Ende der Bestrahlung bei uns. Dann war ich an einem Punkt, wo ich doch endlich wieder selbst alles erledigen wollte.

Ja ich wollte auch wieder allein mit meiner Familie sein, denn Frau B. war in dieser Zeit, wie ein Familienmitglied für uns. Sie kam uns so nah, wie sonst keiner. Sie erlebte unsere Familie in einer schwierigen Zeit. Noch dazu kam unser Hausbau, unser Umzug und die nervliche Belastung. Auch mein Mann war sehr angespannt, wir hatten einen festen Auszugstermin und bis dahin, musste das Haus fertig sein. Er nahm Urlaub für den Innenausbau und arbeitete samt Helfer wie verrückt.

Ich war mit der Chemotherapie fertig, es war kurz vor Weihnachten, die Kinder hatten Ferien vom Kindi und ich war platt und müde ohne Ende. Meine Helferin durfte in der Zeit nicht kommen, da mein Mann “Urlaub” hatte. Da hätte ich sie nun am meisten gebraucht. Aber zurückblickend bin ich doch stolz auf mich, was ich in dieser Zeit doch leisten konnte. Und wir haben es geschafft, das Haus war fertig. Wir konnten Mitte Januar umziehen und freuten uns sehr auf unser neues Zuhause.

Das Gute daran war: ich war durch den Umzug so abgelenkt, dass ich überhaupt nicht an die kommende Operation dachte. Aber umso näher der Termin Anfang Februar rückte, desto mehr kam die Angst. Ich weinte viel in der Zeit, das war doch ein großer Schritt für mich, für den ich mich ja nicht freiwillig entschieden hatte. Ich wusste schon von der Ärztin seit der Diagnose, dass die Brust amputiert wird, da es mehrere Tumore waren. Den Schritt bin ich auch gegangen, aber mit einem mulmigen Gefühl. Konnte es mir nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn die Brust weg ist.

Die Operation verlief gut und ich war erleichtert, als es vorbei war. Habe aber trotzdem viel geweint in der Zeit, manchmal wusste ich gar nicht warum. Durch die OP war ich die ersten Wochen sehr eingeschränkt, von den Bewegungen, der körperlichen Belastung und überhaupt. Somit bekam ich meine Helferin wieder. Diesmal im neuen Haus und mit mir, die nix machen konnte. Aber wir haben uns tapfer durch die Zeit gekämpft, ich hatte sie noch bis Ende April, solange die Bestrahlung dauerte.

Ich denke heute noch an die Zeit mit ihr, die Gespräche, ihre Tatkraft und vielen Haushaltstipps. Die guten Rezepte koche ich heute noch. Sie hat mich sehr unterstützt in der Zeit, hat mich abgelenkt und wir haben viel geredet und gelacht. Die Kinder hatten sie schnell akzeptiert und fanden es toll, wenn es frische Waffeln oder selbst gebackene Kekse gab.

Eure Sandra

Mein Weg zurück ins Leben

In der Reha hat mich der Satz begleitet, “Mein Weg zurück ins Leben”.

Treffend wie ich fand.

Die Diagnose ein Schock, die Therapie ein langer Weg, den ich mich Schritt für Schritt vorwärts gekämpft habe. Ich habe gewusst, ich muss Abstriche machen, die nicht leicht werden. Die Reha hatte ich mir sehr ersehnt, diese Zeit nur für mich, Kraft tanken und wieder vorwärts schauen mit vielen positiven Gedanken.

Meine Situation mit zwei kleinen Kindern, die täglich fordern, ein Haus gebaut, gerade noch schnell umgezogen vor meiner OP und die lange Belastung der Therapie.

Ich wollte nur noch weg, brauchte jetzt endlich Zeit nur für mich und freute mich riesig auf diese Reha. Die Klinik spezialisiert auf junge Frauen mit Brustkrebs, die wieder aktiv im Leben stehen, war die richtige Wahl. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, konnte mich austauschen mit vielen anderen Frauen und habe alles probiert, um wieder fit zu werden. Trotzdem habe ich Pausen gebraucht und brauche sie heute noch.

Umso krasser fand ich, wo ich zurück daheim war.

Ich war zwar super erholt, habe gedacht jetzt schaffe ich alles und mir geht´s ja so gut. War ja auch so, aber von heute auf morgen wieder voll einsatzfähig und hundert Prozent geben, das geht nicht. Ich habe sehr deutlich begriffen, dass ich nach mir schauen muss. Meinen Perfektionismus ablegen und Dinge, die ich gern mag, einfach machen. Aber da sind meine zwei Kinder mit vier und zwei Jahren, die mich brauchen.

Ich habe das Gefühl, jetzt heißt es wieder wie eh und je funktionieren, keiner fragt mehr, wie es geht. Termine über Termine in meinem Kalender. Ich habe mein Ziel, Sport zu machen. Also zweimal die Woche Gerätetraining, einmal Nordic Walking und zweimal Rehasport.

Davon gebe ich nichts auf, weil es mir gut tut.

Aber es ist immer ein Drumrumbasteln meiner Termine um die der Kinder und ein Hoffen, dass nichts dazwischen kommt. Ich laufe zum Beispiel seit einem halben Jahr mit meiner vierjährigen Tochter zum Zahnarzt, davon gefühlte hundert mal in eine spezielle Kinder-Zahnarztpraxis. Das Einzige, was die mich in letzter Zeit kosten, sind Nerven, Leute sowas kann ich echt nicht brauchen zu dem Ganzen dazu. Naja, der Zahn quält uns immer noch und Hilfe wieso macht ihr so ein Mist mit Kindern, ich verstehe es nicht. Und so gibt es bei uns Tage, da bin ich verzweifelt und am Ende, weil die Probleme ja nicht still stehen.  Ich fühle mich heute noch erledigt, schnell müde und nicht belastbar, aber immer das Gefühl, ich sollte es wieder sein. Für meine Kinder, meinen Mann und alle anderen.

Meine Tochter hat es vor kurzem mal wieder geschafft, mein Adrenalinspiegel in die Höhe zu treiben. Frühmorgens schließt sie sich samt kleiner Schwester im Schlafzimmer ein, bis sie merkt, sie kann nicht mehr aufschließen, Panik und der berühmte Satz “Ich muss auf Toilette”. Ich zu meinen Nachbarn, ein junger trainierter Mann, der ist dann mit einer Leiter hochgeklettert und durch’s Fenster zu den Kindern. Das hätte ich nicht geschafft. Naja das Glück war, der Nachbar war zu Hause und das Fenster war offen. Sonst wären meine Beiden immer noch drin. Die Kleine von den Beiden, fand das ganze superwitzig und hatte ihren Spaß. Ich habe mal wieder ein riesen Schreck bekommen und habe erst mal sämtliche Schlüssel versteckt. So geht das Leben weiter mit allem was dazu gehört.

Aber trotzdem: in meinem Leben hat sich viel verändert. Ich bin sehr stolz auf mich, was ich geschafft und überstanden habe. Ich denke viel über mein Leben nach, was ich will, was mache ich weiterhin. Ich denke positiv, da habe ich aus der Reha viel Positives für mich mitnehmen können.

Ich schätze, was ich habe und genieße das auch. Ich habe heute noch Momente, da kommen die Tränen und Gedanken, aber ich freue mich wieder an meinem Leben und schätze, dass ich Leben darf. Das Leben ist schön und vor allem das Leben mit meiner Familie genieße ich heute mehr denn je. Ich lasse mich überraschen, was noch kommt und lebe im jetzt.

Danke an meine zwei süßen Zwerge. Für euch musste es weitergehen und ihr habt mich so oft abgelenkt und zum Lachen gebracht.

Eure Sandra 🙂